Übergewicht, niedriger TSH und die Unfähigkeit, abzunehmen

Hier habe ich eine interessante Arbeit von Dr. Rowsemitt und Dr. Najarian gefunden, veröffentlicht auf thyroidscience.com. Sie belegen durch bereits vorhandene Studien sehr logisch, warum ein zu niedriger TSH nicht immer gleichbedeutend mit einer Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) oder einer Thyreotoxikose ist.

Die Medizin geht bisher davon aus, umso niedriger der TSH ist, desto höher sind die Hormone fT3 und fT4 im Körper. Umgekehrt: Umso höher der TSH ist, desto weniger Schilddrüsenhormone zirkulieren im Körper. Die Biologie geht davon aus, dass die Schilddrüsenhomöostase durch die selbständige Regulierung des TSH von der Hypophyse aus entweder nach oben oder nach unten, stets im Gleichgewichtszustand (Homöostase) in unserem Körper gehalten wird.

Rowsemitt und Najarian schreiben, dass sie beide eine über achtjährige klinische Erfahrung in der Behandlung von über 15.000 übergewichtigen Patienten haben.

Diese Patienten bekamen alle eine kalorienreduzierte Diät mit wenig Fett, ein leichtes Fitnessprogramm und sie bekamen verschiedene sehr wirksame medikamentöse Appetitzügler.

Bei ungefähr einem Drittel der Patienten, trotz Appetitzügler, Fortsetzung ihrer Diät und ihres Fitnessprogrammes, wurde von Rowsemitt und Najarian beobachtet, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr weiter abnehmen konnten. Zusätzlich litten sie an typischen Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion wie Verstopfung, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, kalten Händen und Füßen, Haarausfall und Depressionen.

Untersuchte man die Schilddrüsenparameter dieser Patienten, stellte mann einen sehr hohen rT3 – Wert fest, einen sehr niedrigen TSH-Wert und gleichzeitig auch fT3- und fT4-Werte im untersten Normbereich.

Rowsemitt und Najarian gehen nun anhand von bereits bestehenden Studien daran, zu erklären, dass sich der sogenannte setpoint (Gleichgewichtszustand) der Schilddrüsenhomöostase auch verändern kann.

Das bedeutet in unserem Fall, dass der TSH durch den dauerhaften Diät-Zustand der übergewichtigen Patienten von der Hypophyse stark abgesenkt wird. Ebenfalls sinkt zeitgleich fT3 und fT4 im Körper und rT3 steigt stark an. Der Stoffwechsel wird auf “Notbetrieb”  oder auf einen “Hungerstoffwechsel” umgestellt – damit der Körper nicht noch weiter abnimmt durch die starke Kalorien-Einschränkung. Die Hypophyse ist der Meinung, es liegt eine Hungersnot vor.

Der Körper reagiert also durchaus richtig auf die Hungersnot, ausgelöst durch die Diät, er fährt in den Energiesparmodus herunter, die Hypophyse senkt den TSH und senkt damit den Stoffwechsel.

Man kennt dies auch bei Tieren, die Winterschlaf halten. Bei Fledermäusen sinkt zum Beispiel die Körpertemperatur auf ca. Umgebungstemperatur ab. Im Herbst fressen sie sich genügend Fett an, um im sogenannten Winterschlaf – der allerdings kein echter Schlaf ist, sondern nur ein stark reduzierter Stoffwechsel – dann von dem Fett den ganzen Winter über zehren zu können, wenn es nur sehr wenig Nahrung für sie gibt. Dies funktioniert aber nur, wenn die Fledermäuse nicht gestört werden und dadurch wieder ungewollt in den normalen Stoffwechselmodus umschalten würden. Im normalen Stoffwechselmodus würde ihr überschüssiges Fett innerhalb weniger Wochen verbraucht sein.

Und genau so ist es auch manchmal bei einigen Patienten mit einem erniedrigtem TSH ausgelöst durch eine strikte Diät.
Diese Patienten sollten lt. Rowsemitt und Najarian eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen bekommen, damit der sogenannte “Hungersnot-Modus” der Schilddrüse wieder in den normalen Stoffwechselmodus umschalten kann, um weiter abnehmen zu können. Ebenso sollten die Schilddrüsenhormone in diesem Fall nicht wegen  zu niedrig anzeigendem TSH-Wert gesenkt werden.

Nur dadurch, dass der Stoffwechsel dieser Patienten, die eine strikte Diät einhalten, wieder auf ein normales Level angehoben wird durch eine Behandlung nicht nach TSH sondern nach freien Werten und Symptomen, kann eine weitere Abnahme des Körperfetts erreicht werden.

Dazu sollte ein Arzt zum TSH auch die freien Werte fT3, fT4 sowie rT3 messen und Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion abklären, um eine angemessene Behandlung einleiten zu können.

Nicht alle Personen, die eine Diät einhalten, um abzunehmen, erleiden deswegen ein Herunterfahren des Stoffwechsels = Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion.

Mit diesem Bericht soll keinesfalls ausgedrückt werden, dass man durch die Einnahme von einer zu hohen Dosierung an Schilddrüsenhormonen leichter abnehmen kann.

Es geht den Autoren ausschließlich darum, bei Patienten mit fehlendem Diäterfolg durch einen herunterregulierten Stoffwechsel im “Hungermodus” wieder einen normalen Stoffwechsel herzustellen.

Hier finden sie eine Fallstudie von Najarian und Rowsemitt, bei der das Übergewicht einer Patientin sich erst verringerte, nachdem mit T3 only der zu hohe rT3-Wert wieder normalisiert wurde.

Quelle

http://www.thyroidscience.com/hypotheses/rowsemitt.najarian.H.6.11/rowsemitt.najarian.6.11.pdf

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